Navigationsweiche Anfang

Navigationsweiche Ende

Sprache wählen

Neue Mobilitätskonzepte für Stadtquartiere

von Prof . Dr.-Ing. Ulrike Reutter und Katharina Schmitt
ulrike.reutter{at}uni-wuppertal.de, kotulla{at}uni-wuppertal.de

Prof. Dr.-Ing. Ulrike Reutter
Katharina Schmitt

Mobilitätsmanagement möchte das individuelle Mobilitätsverhalten dahingehend beeinflussen, dass der Personenverkehr effizienter, umwelt- und sozialverträglicher und damit nachhaltiger gestaltet wird. Ein bedeutendes Handlungsfeld ist dabei das Betriebliche Mobilitätsmanagement. Im Mittelpunkt stehen hier die täglichen Arbeitswege und die Dienstreisen der Beschäftigten. Mit koordinierenden, informatorischen, organisatorischen und beratenden Maßnahmen sollen Optionen eröffnet werden, umweltverträgliche Verkehrsmittel und Fahrgemeinschaften zu nutzen.

Das Forschungsprojekt „Betriebliches Mobilitätsmanagement im Bergischen Städtedreieck – BMM HOCH DREI“ verfolgt das Ziel, in der Modellregion einen neuartigen quartiersbezogenen Ansatz zu entwickeln und zu erproben, um daraus verallgemeinerbare und übertragbare Erkenntnisse zu gewinnen. Dazu werden in unterschiedlichen Quartierstypen mit verschiedenen Unternehmen, öffentlichen Einrichtungen und Mobilitätsdienstleistern Mobilitätskonzepte entwickelt und der Prozess wird wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Einen „Sonderfall“ stellt dabei die Bergische Universität Wuppertal selbst dar – als bedeutender Arbeitgeber und wichtiger Ausbildungsort in der Region Remscheid, Solingen und Wuppertal.

Jeder fünfte Weg, der in Deutschland zurückgelegt wird, ist ein Weg zur Arbeit oder dienstlich veranlasst. 70 Prozent aller Wege zur Arbeit und fast 90 Prozent der dienstlichen Wege werden dabei mit dem Auto zurückgelegt. Dabei werden die Arbeitswege in den letzten Jahren immer länger.1 Diese Entwicklung ist eine der Ursachen einer zunehmenden Suburbanisierung und Zersiedelung, die mit steigendem Ressourcenverbrauch, verstärkten Umweltbelastungen und anwachsenden Treibhausgasemissionen einhergehen.

Neben eher langfristig wirkenden raumplanerischen Maßnahmen zur Standortplanung versucht die Verkehrsplanung nun seit rund 25 Jahren, mit dem Instrument des Mobilitätsmanagements auf die Gestaltung dieser Wege Einfluss zu nehmen und somit einen Beitrag zu einem nachhaltigeren Verkehr zu leisten. Unter Mobilitätsmanagement wird eine „zielorientierte und zielgruppenspezifische Beeinflussung des Mobilitätsverhaltens mit koordinierenden, informatorischen, organisatorischen und beratenden Maßnahmen unter Einbeziehung anderer, über die Verkehrsplanung hinausgehender Akteure“ verstanden.2 Den Begriff in Deutschland bekannt gemacht hat zu Beginn der 1990er Jahre übrigens Prof. Dr.-Ing. Joachim Fiedler, damals Lehrstuhlinhaber für Öffentliche Verkehrssysteme an der Bergischen Universität Wuppertal, mit der ersten Entwicklung einer Mobilitätszentrale in Hameln.

Eine breite Palette von Maßnahmen des Mobilitätsmanagements ist geeignet, die Verkehrsmittel des sogenannten Umweltverbundes aus Fußverkehr, Fahrradverkehr, öffentlichem Verkehr und Carsharing als Alternativen zur Nutzung des eigenen Autos zu eröffnen. Zielgruppen des Mobilitätsmanagements sind Betriebe, aber auch Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Eventveranstalter oder die Tourismusbranche. Zu den Maßnahmen können die Organisation von Fahrgemeinschaften gehören, das Angebot von Jobtickets, privat nutzbare Dienst-Pedelecs, Parkraumbewirtschaftung, die Förderung des Fahrradverkehrs durch die Bereitstellung hochwertiger und witterungsgeschützter Fahrradabstellanlagen mit z. B. Luftpumpen und Reparatursets oder auch einfach der Einbau von Duschen und Spinden im Dienstgebäude, um einen Kleiderwechsel vor Ort zu ermöglichen.

Das Bemerkenswerte, das Innovative am Mobilitätsmanagement ist der Bedeutungszuwachs von kommunikativen und regelnden Maßnahmen in der Verkehrsplanung – angesichts der hohen politischen und planerischen Wertschätzung, die das Bauen im Bereich Verkehr immer noch hat, ist diese Änderung der Sichtweise hervorzuheben. Bedeutsam ist außerdem auch eine neue Rollenverteilung in der Mobilitäts- und Verkehrspolitik. Denn im Mobilitätsmanagement übernehmen neue Akteure, eben Betriebe, Schulen, Krankenhäuser, Konzertveranstalter usw., Verantwortung für den von ihnen verursachten Verkehr. Sie kooperieren mit Kommunen, Verkehrsbetrieben und -anbietern, um Mobilität zu sichern bei gleichzeitig geringerer Belastung. Das ist ein entscheidender Perspektivwechsel in der verkehrspolitischen Steuerung.3

Standen am Anfang der Forschungen zum Mobilitätsmanagement eher die Systematisierung und Initiierung von Modellprojekten im Vordergrund, konzentrieren sich die jüngeren Forschungen auf die Standardisierung, die Evaluation und die Einbindung in Stadtplanungsprozesse. Neueste Ansätze, wie auch das hier vorgestellte Projekt im Bergischen Städtedreieck, zielen darüber hinaus darauf ab, durch einen flächenhaften gebietsbezogenen Ansatz Synergien der Betriebe untereinander und mit ihrem Umfeld zu erzeugen und damit die Wirksamkeit zu erhöhen.

BMM HOCH DREI – Das Forschungsprojekt

Bislang standen der flächenhaften Einführung einige Hemmnisse entgegen: Einerseits fehlen auf der Quartiersebene häufig die Mobilität koordinierenden „Kümmerer“. Andererseits treten die Erfordernisse für Betriebe, sich mit der eigenen betrieblichen Mobilität zu befassen, weil z. B. ein Betriebsstandort vergrößert werden soll, bei den Betrieben zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf. Diese Ungleichzeitigkeit erschwert ein koordiniertes Vorgehen auf Quartiersebene. Diesen Hemmnissen will das Forschungsprojekt „BMM HOCH DREI – Betriebliches Mobilitätsmanagement im Bergischen Städtedreieck“ begegnen. Im Projekt wird untersucht, unter welchen Bedingungen Wirkungssynergien über den einzelnen Betrieb hinaus in Quartieren erreicht werden können und welche Akteure und Instrumente dafür geeignet sind4.

Damit dies gelingen kann, wurde unter der Konsortialführerschaft durch das Wuppertal Institut ein inter- und transdisziplinär arbeitendes Team zusammengestellt: Es besteht aus dem Consultingunternehmen „EcoLibro“ mit großer praktischer Erfahrung in der Beratung zum Mobilitätsmanagement, der Bergischen Gesellschaft für Ressourceneffizienz „Neue Effizienz“ als in der Region bestens vernetztem Wirtschaftsakteur und den beiden Lehr- und Forschungsgebieten „Güterverkehrsplanung und Transportlogistik“ sowie „Öffentliche Verkehrssysteme und Mobilitätsmanagement“, die gemeinsam mit dem Wuppertal Institut das Projekt wissenschaftlich begleiten. Zusätzlich unterstützen eine große Anzahl an regional tätigen Mobilitätsdienstleistern wie Verkehrsunternehmen oder Carsharing-Anbieter sowie die drei Städte Remscheid, Solingen und Wuppertal mit ihren Planungsverwaltungen das Forschungsprojekt. Aus der Erprobung des quartiersbezogenen Ansatzes in den drei Modellstädten Remscheid, Solingen und Wuppertal sollen verallgemeinerbare und auf ähnliche Strukturen übertragbare Erkenntnisse für die Ausweitung des BMM gewonnen werden.

Dabei wird in der Modellregion die Mobilität, die von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Unternehmen oder Betrieben verursacht wird, mit der Mobilität, die im jeweiligen Stadtquartier entsteht, verknüpft. Umgesetzt werden soll dies auf Basis von softwaregestützten Analysen der Mobilitätsbedarfe und des bisherigen Mobilitätsverhaltens sowie mit einem pilothaften Einsatz eines interaktiven Tools, das die Selbstanalyse von Kleinunternehmen und privaten Haushalten in den Quartieren zur Planung ihrer Mobilität (insbesondere zur Förderung der Inter- und Multimodalität) ermöglicht.

Dafür wurden in einem ersten Schritt sieben unterschiedliche Quartierstypen identifiziert, die jeweils durch konkrete Gebiete in der Region beispielhaft repräsentiert werden und die so ähnlich in ganz Deutschland vorkommen:

  • Gewerbegebiet (am Stadtrand)
  • innerstädtisches Mischquartier
  • Verwaltungsstandort
  • Großunternehmen mit Umfeld
  • Standortgemeinschaften von Handel und Gewerbe
  • Innerstädtisches Bürogebiet
  • Forschungs- und Dienstleistungszentrum, wie z. B. eine Universität.
Abb. 1: Verkehrlich-räumliche Bestandsanalyse am Campus Haspel Bergische Universität Wuppertal.

In jedem Quartier werden durch den regionalen Netzwerkakteur „Neue Effizienz“ und durch die anderen in der Region vernetzten und aktiven Projektpartner verschiedene Unternehmen aktiv angesprochen, auf die Möglichkeit einer kostenlosen Basisberatung im Rahmen des Projektes aufmerksam gemacht und zur Mitwirkung motiviert. Dabei werden gemeinsam mit den Unternehmen die aktuelle Mobilitätssituation, die speziellen Mobilitätsbedürfnisse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie mögliche Potenziale für das betriebliche Mobilitätsmanagement betriebsspezifisch analysiert. Dafür werden unter anderem Befragungen der Beschäftigten zum Mobilitätsverhalten durchgeführt sowie über Wohnstandortanalysen mögliche Verkehrsalternativen analysiert. Gleichzeitig werden Bestandsanalysen über die verkehrliche Situation und Qualität in den Quartieren durchgeführt. Dabei wird beispielsweise untersucht, ob brauchbare Fahrradwege vorhanden sind, wo die Bushaltestellen liegen und wie diese ausgestattet sind, wie viele Buslinien eingesetzt werden und welche Taktfolgen zu welchen Tageszeiten angeboten werden. Aber auch Gefahrenstellen speziell für Fußgänger oder das Angebot weiterer Mobilitätsdienstleister wie Carsharing-Stationen werden erfasst. Diese Bestandsanalyse wird einheitlich bewertet und mit gebietsspezifischen Chancen, Mängeln und Bindungen kartiert.

In Abbildung 1 ist beispielhaft die Bestandsanalyse des Hochschulstandortes Haspel der Bergischen Universität Wuppertal dargestellt. Dabei ist der ÖPNV durch die hohe Anzahl an Bushaltestellen, Schienenpersonennahverkehr-Haltestellen und Schwebebahnhaltestellen mit guter Bedienung in der umliegenden Umgebung positiv zu bewerten. Die festgestellten Mängel in diesem Quartier liegen im Bereich des Fußverkehrs, da an zwei wichtigen Verbindungsstellen, zwischen dem Hochschulstandort und bedeutenden ÖPNV Haltestellen (Wuppertal Unterbarmen und Landgericht) sichere Querungsmöglichkeiten für den Fußverkehr fehlen.

Abb. 2: BMM HOCH DREI – von der Analyse zur Implementierung.

Aus den betrieblichen Analysen, den Wohnstandort-analysen und den verkehrlichen Analysen im Quartier sollen gemeinsam mit lokalen Mobilitätsanbietern akteursübergreifende Maßnahmen im Quartier entwickelt werden, um innovative Mobilitätsoptionen zu schaffen. Erste Maßnahmen sollen schon während der Projektlaufzeit umgesetzt werden. Dafür werden in der zweiten Projekthälfte jeweils in den Quartieren Workshops stattfinden, in denen die Akteure eines Quartiers zusammengebracht werden, um in einem offenen Dialog gemeinsame Lösungen zu entwickeln. Im Rahmen einer umfassenden Begleitforschung werden die Prozesse und die Wirkungen des betrieblichen Mobilitätsmanagements evaluiert. Auf dieser Grundlage sollen die angestrebten gebietstypischen und akteursspezifischen Empfehlungen entwickelt werden, die eine bundesweite Übertragung des im Bergischen Städtedreieck entwickelten BMM-Konzepts ermöglichen. Die Abbildung 2 zeigt das Zusammenwirken des betriebsbezogenen und quartiersbezogenen Prozesses von der Analyse zur Implementierung.

Die Bergische Universität Wuppertal als Forschungsgegenstand

Einen Sonderfall in mehrfacher Hinsicht stellt der Gebietstyp „Forschungs- und Dienstleistungszentrum“ mit dem Hochschulstandort Bergische Universität Wuppertal dar. Sie vereint einerseits in sich verschiedene Zielgruppen für das Mobilitätsmanagement: wissenschaftlich Beschäftigte, Beschäftigte in Technik und Verwaltung, Studierende und Besucher – jeweils mit ganz unterschiedlichen Arbeitszeiten, Dienstreisetätigkeiten, Arbeits- bzw. Vorlesungsorten und Anwesenheitszeiten. Andererseits ist die Universität auf drei Hauptstandorte in der Stadt verteilt, zum Teil mit ausgeprägtem Pendelverkehr zwischen den Standorten. Insgesamt trägt die Universität mit den täglichen An- und Abreisewegen sowie den zwischenstandörtlichen Wegen erheblich zum Verkehrsaufkommen in der Stadt Wuppertal und ihrer Region bei. Neben der hohen Anzahl an Studierenden und Beschäftigten ist die Universität darüber hinaus eine Institution mit mehreren Abteilungen und Dezernaten, Beschäftigtenvertretungen und Studierendenvertretungen, woraus sich hohe Abstimmungs- und Koordinationsaufwände ergeben. Daher waren zu Projektbeginn mehrere Abstimmungsgespräche mit diesen unterschiedlichen Beteiligten notwendig. Erst danach konnten die verkehrliche Bestandsanalyse, eine eigens durchgeführte Befragung zum Verkehrsverhalten von Studierenden und Beschäftigten sowie die Analyse von Dienstreisen durchgeführt werden, um die Ausgangssituation zur Mobilität an der Bergischen Universität zu bestimmen. Zurzeit werden die Erhebungen ausgewertet. Danach werden die Ergebnisse allen Interessenvertretern vorgestellt und es werden gemeinsam mit ihnen und den örtlichen Verkehrsanbietern konkrete Verbesserungsmöglichkeiten entwickelt.

www.oevm.uni-wuppertal.de

Literaturhinweise

1Follmer, Robert u. a. (2010): Mobilität in Deutschland 2008. Ergebnisbericht, S. 116. Bonn, Berlin
2
Lenkungsausschuss 1 der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) (Stand  November 2016; Veröffentlichung „Empfehlungen zur Anwendung von Mobilitätsmanagement“ in Vorbereitung).
3Vgl. Reutter, Ulrike; Kemming, Herbert (2012): Mobilitätsmanagement: eine historische, verkehrspolitische und planungswissenschaftliche Einordnung. In Stiewe, Mechtild; Reutter, Ulrike (Hg.): Mobilitätsmanagement – Wissenschaftliche Grundlagen und Wirkungen in der Praxis. ILS - Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung. Essen: Klartext.
4http://www.bmm3.de/; Projektpartner: Wuppertal Institut (Prof. Dr.-Ing. Oscar Reutter, Projektleitung); Bergische Universität Wuppertal (Prof. Dr.-Ing. Bert Leerkamp; Prof. Dr.-Ing. Ulrike Reutter); EcoLibro GmbH (Volker Gillessen); Bergische Gesellschaft für Ressourceneffizienz mbH – Neue Effizienz (Jochen Stiebel). Das Projekt wird aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) für eine Laufzeit von drei Jahren (2016-2019) gefördert.
5Koska, Thorsten; Goebels; Claus; Schmitt; Katharina (2017): “District-Based Operational Mobility Management - Concept and First Evaluation Results". European Conference on Mobility Management 2017 (ECOMM), Maastricht (NL) 01.06.2017