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Babyboomer – wie lange können und wollen sie arbeiten?

von Prof. Dr. Hans Martin Hasselhorn, Melanie Ebener und Dr. Jean-Baptist du Prel
hasselhorn{at}uni-wuppertal.de; ebener{at}uni-wuppertal.de; jbduprel{at}uni-wuppertal.de

Prof. Dr. Hans Martin Hasselhorn
Melanie Ebener
Dr. Jean-Baptist du Prel

Die Anzahl älterer Beschäftigter in Deutschland nimmt seit Jahren zu. Laut Statistischem Bundesamt waren 2017 rund 15,2 Millionen Erwerbstätige 50 Jahre oder älter. Sie machten damit 38 Prozent aller Erwerbstätigen aus. Zehn Jahre zuvor waren es noch 10 Millionen Personen und damit rund 10 Prozentpunkte weniger gewesen. Gleichzeitig werden in den kommenden Jahren immer weniger Personen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, was sowohl Betriebe als auch die Gesellschaft vor neue Herausforderungen stellt.

Wissenschaft und Politik sehen es als wirksame Gegenmaßnahme an, wenn mehr Ältere arbeiten würden und wenn sie dies länger im Leben täten. Doch können und wollen sie dies auch? Die lidA-Studie untersucht die letzten Arbeitsjahre älterer Beschäftigter und ihren Übergang in den Ruhestand (kurz: Ruhestandsübergang). In diesem Beitrag soll ein Blick auf den Ruhestandsübergang aus Sicht der heute 53- und 59-Jährigen in Deutschland geworfen werden. Nach der Vorstellung des der lidA-Studie zugrundeliegenden Denkmodells werden beispielhaft Ergebnisse dargestellt und diskutiert. Der Beitrag schließt mit Schlussfolgerungen für Betriebe, Politik und Wissenschaft.

Abb. 1: Das lidA-Denkmodell zu Arbeit, Alter, Gesundheit und Erwerbsteilhabe.

Den Schwerpunkt unserer Betrachtungen legen wir in diesem Beitrag auf die Gesundheit von älteren Beschäftigten, denn dieser wird oft eine entscheidende Rolle für den Ruhestandsübergang eingeräumt. In der Tat belegen zahlreiche Studien, dass Erwerbstätige mit schlechter Gesundheit früher im Leben aufhören zu arbeiten. Zöge man daraus den Schluss, „schlechte Gesundheit führt zum frühen Erwerbsausstieg“, so müsste betriebliche Präventionsarbeit vorwiegend auf Gesundheitsförderung setzen, um die älteren Beschäftigten möglichst lange zu halten. Diese Sicht lässt allerdings außer Betracht, dass hierzulande in der Altersgruppe der 51- bis 65-Jährigen von zwölf Millionen Erwerbstätigen vier Millionen trotz schlechter Gesundheit erwerbstätig sind – warum? Weil sie erwerbstätig sein wollen, müssen oder auch können. Gleichzeitig sind viele Gleichaltrige mit guter Gesundheit nicht mehr erwerbstätig. Offenbar spielen hier noch andere Gründe eine Rolle als nur die Gesundheit.

Der Ausstieg aus dem Arbeitsleben wird von vielen Faktoren beeinflusst

Ob und wie lange Personen im höheren Erwerbsalter erwerbstätig sind, wird nicht durch einen einzelnen Umstand bestimmt, sondern ergibt sich aus dem Zusammenwirken verschiedener Größen. Die Betrachtung nur einzelner Faktoren reduziert schnell den komplexen Sachverhalt auf ein Niveau, auf dem nur noch Schlussfolgerungen mit geringer betrieblicher und sozialpolitischer Relevanz zu ziehen sind.

Mit dem lidA-Denkmodell wollen wir den Ruhestandsübergang älterer Beschäftigter in seiner Komplexität genauer verstehen und auch andere Forscherinnen und Forscher zu einer breiten Herangehensweise an das Thema anregen. Das Denkmodell stellt Einflüsse auf die Erwerbsteilhabe Älterer in elf „Domänen“ zusammen und zeigt, wie diese zusammenhängen (Abbildung 1). Die Erwerbsteilhabe, also das bezahlte Arbeiten, endet durch den Erwerbsaustritt, der im gesetzlichen Regelrentenalter, aber auch früher oder später erfolgen kann. Dabei findet der Austritt nicht immer „von heute auf morgen“ statt: Der eine Beschäftigte reduziert vorher seine Arbeitszeit, der andere ist vielleicht zuvor in Arbeitslosigkeit, unterbrochen von kurzen Gelegenheitsjobs. Nur vier von zehn Personen, die 2016 in Altersrente gingen, taten dies direkt aus einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung heraus.

Im „Privaten Umfeld“ sind Aspekte wie Familienstand, Erwerbsstatus des Partners, Pflegeverpflichtungen sowie Aufgabenverteilung und Rollen wichtig für die Erwerbsteilhabe Älterer. Dies hängt eng mit dem „sozialen Status” zusammen, da anzunehmen ist, dass sich Familien mit unterschiedlichem sozialen Status z. B. in ihren Einstellungen und ihrer Aufgabenverteilung wesentlich unterscheiden. Gemäß lidA-Denkmodell hat das private Umfeld unmittelbare Auswirkungen auf die „Motivation, erwerbstätig zu sein”, beispielsweise durch die Erwartungen, die Partner aneinander haben: Ist eine Frau bereits in Rente, möchte ihr Partner vielleicht weniger gerne weiterarbeiten. Zur „Arbeit” gehören die Arbeitsorganisation (z. B. Maßnahmen des Personalmanagements), aber auch der Arbeitsinhalt: Ist das, was man jeden Tag tut, sinnvoll? Kann man es ohne Mühe tun?

Während die Domäne „Gesundheit“ dem Inhalt nach recht eindeutig scheint, muss die „Arbeitsfähigkeit“ erläutert werden: Darunter versteht man, ob eine Person in der Lage ist, ihre konkrete Aufgabe jetzt und in Zukunft erfolgreich auszuführen. Dies wird von der „Gesundheit“ beeinflusst, aber auch von der jeweiligen Arbeitssituation und der Qualifikation, die der Beschäftigte hat. „Gesundheit“ und „Arbeitsfähigkeit“ sind wiederum eng mit der „Motivation, erwerbstätig zu sein“ verknüpft. Der „Arbeitsmarkt” und der „Soziale Kontext“ beeinflussen fast alle anderen Domänen, weshalb hier im Denkmodell auf Pfeile verzichtet wurde.

Abb. 2: Wie lange kann bzw. will die Babyboomer-Generation in Deutschland erwerbstätig sein? Angaben von 3229 erwerbstätigen lidA-Teilnehmenden im Alter von 53 bzw. 59 Jahren, Sommer 2018. Die Gruppe der Befragten ist repräsentativ für die sozialversicherungspflichtige Erwerbsbevölkerung der Jahrgänge 1959 bzw. 1965.

Das lidA-Denkmodell macht vier Merkmale des Ruhestandsübergangs deutlich. Das Merkmal Komplexität wurde bereits dargelegt: Aspekte aus verschiedenen Domänen sind beteiligt, deren Einflüsse (oft kausal) miteinander verknüpft sind. Zweitens verdeutlicht das Modell, dass der Ruhestandsübergang ein Prozess ist. Wie große Studien zeigen, werden schon früh im Leben entscheidende Weichen gestellt: Bereits der soziale Status in früheren Jahren beeinflusst die Berufswahl, die langjährigen Auswirkungen der Tätigkeit und schließlich die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit einer Person. Zum Dritten zeigt das Modell, dass die Wege des Erwerbsausstiegs auch eine starke individuelle Komponente haben. So hängen Entstehung und Umsetzung der Entscheidung, das Erwerbsleben zu verlassen, von den Ressourcen und Lebensumständen jedes Einzelnen ab (z. B. Gesundheit, Arbeitsfähigkeit), seiner Lebenssituation (z. B. Lebensstandard sichern, Pflegeverpflichtungen) oder auch von seinem Umfeld (z. B. Erwartungen in Bezug auf Frühberentung). Diese Aspekte sind in vielfältiger, ganz persönlicher Weise kombiniert. Schließlich ist der Erwerbsausstieg ebenfalls stark geprägt durch strukturelle gesellschaftliche Rahmenbedingungen (strukturelle Komponente), beispielsweise dem gesetzlich vorgegebenen Rentenalter oder Altersteilzeitregelungen.

Arbeiten bis 65.  Wer kann es, wer will es?

Schon in der zweiten lidA-Erhebungswelle im Jahr 2014 fragten wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, damals 49 oder 55 Jahre alt, bis zu welchem Alter sie arbeiten könnten und wollten. Nur die wenigsten meinten damals, dass sie mindestens bis zum Alter von 65 Jahren erwerbstätig sein können (36 %) bzw. wollen (14 %). Vier Jahre später (Sommer 2018) haben sich die Anteile unter den gleichen Befragten fast verdoppelt: Nun sind es 62 Prozent, die angeben, dass sie mindestens bis 65 arbeiten können und 26 Prozent, die dies wollen (jeweils die oberen beiden Gruppen pro Säule in Abbildung 2). Das Rentenalter rückt für unsere Kohorten näher, anscheinend passen sich damit ihre Einstellungen und Erwartungen der für viele unvermeidlichen Notwendigkeit der längeren Erwerbstätigkeit an.

Abb. 3: Welche Berufsgruppen würden gern bzw. können mindestens bis 65 Jahre erwerbstätig sein? Gezeigt wird der Anteil der Personen innerhalb von Berufskategorien (nach Blossfeld), die mindestens bis 65 Jahre erwerbstätig sein können bzw. möchten. Die Daten basieren auf Angaben von 3400 bzw. 3228 erwerbstätigen Befragten der lidA-Studie im Jahr 2018. Die Teilnehmenden waren zum Zeitpunkt der Befragung (2018) 53 bzw. 59 Jahre alt, die Daten sind repräsentativ für die sozialversicherungspflichtige Erwerbsbevölkerung der Jahrgänge 1959 bzw. 1965 in Deutschland.

Es verwundert nicht, dass es dabei große Unterschiede zwischen verschiedenen Tätigkeitsgruppen gibt. In Abbildung 3 sind die Anteile derer dargestellt, die bis mindestens 65 Jahre erwerbstätig sein können bzw. möchten: Angehörige der Professionen (z. B. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Ärztinnen und Ärzte, Gymnasiallehrerinnen und -lehrer), der qualifizierten Dienstleistungsberufe (z. B. Friseurinnen und Friseure, Rechtspflegerinnen und -pfleger) sowie Ingenieurinnen und Ingenieure sind häufiger motiviert, bis 65 oder länger erwerbstätig zu sein. Im Gegensatz dazu geben Personen mit manuellen und technischen Berufen sowie Semiprofessionen (hierzu gehören insbesondere die Pflegeberufe) nur selten an, so lange erwerbstätig bleiben zu wollen. In aller Regel liegen die Werte der Frauen deutlich unter denen der Männer (nicht dargestellt).

Schlechte Gesundheit ist ein Grund – gute aber auch.

Wenn, wie zu Beginn erwähnt, ein Drittel aller älteren Erwerbstätigen eine schlechte Gesundheit berichtet und die Hälfte aller Nicht-Erwerbstätigen im gleichen Alter eine gute, dann kann es nicht die Gesundheit alleine sein, die darüber entscheidet, wie lange Menschen arbeiten. Um den Zusammenhang besser zu verstehen, haben Forscherinnen in Neuseeland und in den Niederlanden hierzu qualitative Studien durchgeführt, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von ihren Erfahrungen berichten. Dabei identifizierten sie verschiedene „Ausstiegspfade“, bei denen Gesundheit eine Rolle spielt.

Der erste Pfad ist der „Verschlechterungspfad“. Hier führt eine akute oder chronische Verschlechterung des Gesundheitszustands zum vorzeitigen Erwerbsaustritt. Allerdings erfolgt dies nicht direkt wegen der schlechten Gesundheit der Betroffenen, sondern eher deshalb, weil sie glauben, sie könnten ihre Erwerbsarbeit nicht mehr zufriedenstellend ausführen. Dieser Weg wird oft widerstrebend gewählt. Gesundheitsbeeinträchtigungen können auch dazu führen, dass Beschäftigte sich durch Arbeitgeber oder Kolleginnen und Kollegen aus dem Erwerbsleben gedrängt fühlen, obwohl sie sich selbst in ihrer Arbeitsfähigkeit nicht eingeschränkt sehen. Schließlich scheiden sie „freiwillig“ aus. Bei beiden Pfaden wird deutlich, dass nicht der Gesundheitszustand für sich entscheidend ist, sondern der Umgang damit.

Jedoch wurden auch zwei Pfade gefunden, bei denen eine (noch) gute Gesundheit dazu führt, dass Menschen nicht weiterarbeiten. Beim „Schutzpfad“ findet der Ausstieg aus dem Arbeitsleben zum Schutz der Gesundheit statt. Für manche Beschäftigte stellt die Arbeit ein konkretes Gesundheitsrisiko dar – nicht selten wird hier „Arbeitsstress“ genannt. Andere erleben die Fortsetzung ihrer Erwerbsarbeit als ein Hindernis dafür, ausreichend für ihre Gesundheit sorgen zu können. Der letzte Pfad ist der „Maximierung des Lebens-Pfad“. Hier verlassen Ältere das Erwerbsleben, damit sie – solange sie noch bei guter Gesundheit sind – andere Lebensziele verfolgen können, z. B. Reisen oder sich um ihre Enkel kümmern.

Man kann die Befunde so zusammenfassen, dass sowohl gute als auch schlechte Gesundheit dazu führen können, dass man das Erwerbsleben vorzeitig verlässt, und dass dies nur dann geschieht, wenn man nicht mehr erwerbstätig sein kann (verminderte Arbeitsfähigkeit) oder nicht mehr will (verminderte Motivation). Da folglich die Gesundheit den Erwerbsaustritt nur indirekt beeinflusst, gibt es im lidA-Denkmodell (Abbildung 1) auch keinen direkten Pfeil zwischen diesen.

Abb. 4: Anteile derer, die mindestens bis zum 65. Lebensjahr erwerbstätig sein möchten, in Abhängigkeit von deren Arbeitsfähigkeit und Gesundheit. Angaben von 3229 erwerbstätigen Befragten der lidA-Studie im Jahr 2018. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren zum Zeitpunkt der Befragung (2018) 53 bzw. 59 Jahre alt, die Daten sind repräsentativ für die sozialversicherungspflichtige Erwerbsbevölkerung der Jahrgänge 1959 bzw. 1965 in Deutschland.

Ein zweiter Blick auf die (relative) Rolle der Gesundheit

Um den Zusammenhang von Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und Motivation, erwerbstätig zu sein, besser zu verstehen, haben wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der dritten Studienwelle in vier Gruppen aufgeteilt. Die Ergebnisse zeigt Abbildung 4. Die Gruppen unterscheiden sich darin, in welcher Kombination bei ihnen Arbeitsfähigkeit und Gesundheit auftreten. Wenn niedrige Arbeitsfähigkeit und schlechte Gesundheit zusammentreffen, möchten nur etwa 16 Prozent der Befragten bis mindestens zum 65. Lebensjahr erwerbstätig sein. Dies war zu erwarten. Es überrascht aber, dass selbst beim Zusammentreffen von guter Arbeitsfähigkeit und guter Gesundheit nur etwa 31 Prozent der Befragten bis mindestens zum 65. Lebensjahr erwerbstätig sein möchten. Oder umgekehrt formuliert: Mehr als zwei Drittel aller Personen wollen trotz guter Arbeitsfähigkeit und guter Gesundheit nicht bis mindestens 65 arbeiten! Die Rolle der Motivation muss hier in Zukunft noch genauer beleuchtet werden und steht keinesfalls hinter der Rolle der Gesundheit zurück.

Ruhestand – ein Dauerthema

Die Frage, wie und wann Menschen in ihren Ruhestand gehen, wird unsere Gesellschaft noch Jahrzehnte beschäftigen. Mit der lidA-Studie und dem lidA-Denkmodell möchten wir dazu beitragen, diese Frage immer differenzierter zu beantworten. In diesem Beitrag haben wir mit Hilfe von lidA-Ergebnissen gezeigt, dass die Babyboomer-Generation in Deutschland dabei ist, sich langsam, aber sicher innerlich auf das Novum eines verlängerten Erwerbslebens einzustellen, wobei Unterschiede zwischen Erwerbsgruppen bestehen. Die Kürze dieses Beitrags hat es nicht zugelassen, auf sämtliche Domänen des Denkmodells einzugehen. Stattdessen liegt der Fokus auf dem Zusammenspiel von Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und der Motivation, erwerbstätig zu sein, in Hinblick auf den Erwerbsausstieg. Hierzu haben wir nicht nur unsere theoretischen Überlegungen vorgetragen, sondern auch aktuelle empirische Befunde. Diese heben die Bedeutung der Motivation gegenüber der Arbeitsfähigkeit und Gesundheit hervor.

Was bedeutet das alles?

Das lidA-Denkmodell und die in diesem Beitrag berichteten Ergebnisse erlauben uns einige Schlussfolgerungen für Betriebe, Politik und Wissenschaft.

Für Betriebe gilt: Möchten sie (z. B. angesichts eines Mangels an geeignetem Nachwuchs) ihre älteren Beschäftigten an sich binden, sollten sie die Komplexität der vielen Einflussfaktoren beachten. Es wäre wohl zu kurz gegriffen, wenn sie hier ausschließlich auf die Förderung der Gesundheit setzten, aber nicht zum Erhalt der Arbeitsfähigkeit beitragen würden, z. B. durch ergonomische Arbeitsgestaltung. Dass selbst unter guten Umständen nur ein Drittel der Beschäftigten bis mindestens 65 arbeiten wollen, sollte Betriebe zum Nachdenken darüber bringen, wie die Motivation, erwerbstätig zu sein und zu bleiben, verstärkt werden kann. Dazu gehört auch eine Betriebskultur, in der die besonderen Stärken und Erfahrungen älterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wertgeschätzt werden. Auch die Prozesshaftigkeit der Erwerbsteilhabe ist bedeutend: Das Personalmanagement muss hier langfristig ausgerichtet sein. Schon Personen Mitte Fünfzig haben Vorstellungen dazu, wann sie mit dem Arbeiten aufhören, und richten ihr Arbeits- und Berufsleben eventuell daran aus. Wenn Beschäftigte ihren Wunsch auf frühen Erwerbsaustritt erstmals gegenüber dem Betrieb äußern, besteht oft nur noch geringer Spielraum dafür, auf die Arbeitsfähigkeit und Motivation des Einzelnen fördernd einzuwirken. Die Individualität der Erwerbsteilhabe bedeutet für Betriebe, dass „one size fits all“-Lösungen zum Erhalt der Belegschaft und zur Bindung der älteren Beschäftigten kaum wirksam sein werden. Stattdessen werden Personalmanagerinnen und -manager und nicht zuletzt die direkten Vorgesetzten die Situation für jeden einzelnen Beschäftigten betrachten müssen.

Wie bei Betrieben gilt auch für die Sozialpolitik, dass politische Maßnahmen zur Verlängerung der Erwerbsteilhabe jenseits gesetzlicher Regelungen zum Erwerbsausstieg Älterer nur wenig Erfolg versprechen, wenn diese nur einzelne Domänen berücksichtigen. Ferner darf in Zeiten regulativ verlängerter Erwerbsbiografien die politische Aufmerksamkeit nicht nur darauf liegen, wann Personengruppen das Erwerbsleben verlassen, sondern ebenso, wie diese länger arbeiten. Beschäftigte, die nicht mehr arbeiten können (Arbeitsfähigkeit) oder wollen (Motivation, erwerbstätig zu sein), erfordern das Augenmerk der Sozialpolitik – ganz gleich, ob sie alternative Ausstiegswege wählen oder im Erwerbsleben verbleiben.

Schließlich haben unser Denkmodell und unsere Befunde Implikationen für die Wissenschaft. Auch hier wächst an vielen Orten das Verständnis für die Komplexität des Erwerbsaustritts, verbunden mit der Notwendigkeit multidisziplinärer Forschung, die auch zu Beginn dieses Jahrhunderts noch vor vielen Herausforderungen und Mühen steht. Auch die Fruchtbarkeit international vergleichender oder sogar harmonisierter Forschung wird gesehen und angestrebt. Inzwischen diskutieren verschiedene internationale wissenschaftliche Netzwerke zu dem Thema, das unser Beitrag vorgestellt hat. Das Fachgebiet Arbeitswissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal hatte dazu 2016 die internationale WAHE-Konferenz veranstaltet und ist beispielsweise aktuell im Forschungsnetzwerk OMEGA-NET koordinierend und inhaltlich aktiv.

www.arbwiss.uni-wuppertal.de

www.lida-studie.de