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Zwischen Evolutionsbiologie und Ressourcentheorie: Ein wissenschaftlicher Blick auf Stress und Burn-out

von Prof. Dr. Petra Buchwald
pbuchw{at}uni-wuppertal.de

Stress ist im 21. Jahrhundert eines der bewegenden Themen der Menschheit. Der Begriff ist allgegenwärtig, und wenn man im Alltag davon spricht, „gestresst“ zu sein, dann zumeist aufgrund von Arbeitsüberlastung, Zeitdruck und Hektik. Es entsteht das Gefühl, anstehende Aufgaben nicht bewältigen zu können, weil sie ein erträgliches Maß an Anstrengung bei weitem überschreiten.

Stress wird dann als Überforderung erlebt, einhergehend mit einer Minderung des Wohlbefindens und der Lebensqualität. Aber nicht jeder Stress macht krank. Es gibt durchaus „positiven Stress“, der uns herausfordert, Kraft spendet und zu höheren Leistungen motiviert. Schon der Begründer der Stressforschung, Hans Selye (1907–1982), unterschied zwischen lebensnotwendigem Eustress, der aktivierend ist, und schädlichem Distress, der belastet.

Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz führt 60 Prozent der Fehlzeiten auf beruflichen Stress zurück – mit Kosten für Europas Unternehmen von schätzungsweise 20 Milliarden Euro jährlich. Allerdings geht laut einer Studie der Europäischen Union nur eine Minderheit der Arbeitgeberinnen und -geber systematisch gegen Stress vor, obwohl sie fast alle die Reduzierung von arbeitsbedingtem Stress als wichtiges Thema bewerten.

Stress – evolutionsbiologisch erklärt

Stress ist ein Phänomen, das uns mittlerweile in fast allen Lebensbereichen begegnet: am Arbeitsplatz, in der Schule, zu Hause und sogar in der Freizeit! Stress ist eine natürliche Reaktion des Körpers auf eine Herausforderung und lässt sich evolutionsbiologisch erklären. So war es für den Urzeitmenschen sehr viel häufiger als für Menschen von heute überlebenswichtig, dass der Körper bei Gefahr in einen Zustand höchster Aufmerksamkeit und Fluchtbereitschaft versetzt wird (fight or flight). Angesichts extremen Stresses werden Hormone ausgeschüttet, damit Menschen zusätzliche Energie zur Verfügung haben. Der Blutdruck steigt, die Wahrnehmung ist geschärft, die Atemfrequenz zur besseren Sauerstoffversorgung erhöht. Zum Schutz vor Verletzungen wird die Hautdurchblutung reduziert und die Gerinnung erhöht. Die Muskulatur spannt sich an. Körperliche Funktionen wie das Immunsystem, die in diesem Moment nicht benötigt werden, werden heruntergefahren und funktionieren damit nicht mehr adäquat. Ist die Gefahr gebannt, normalisieren sich die Körperreaktionen wieder. Diese biologisch perfekte Einrichtung der Natur ermöglichte den Menschen damals wie auch heute das Überleben in vielen Gefahrensituationen (Kampf, Straßenverkehr usw.) und verhilft zum Durchhalten bei starken körperlichen Anstrengungen.

Nimmt der Stress jedoch überhand und wird zum Dauerstress, entwickeln Menschen normalerweise Fähigkeiten und Strategien, um ihren Stress zu bewältigen. Gelingt dies nicht, kommt es zu Stresssymptomen bzw. Beanspruchungen. Dazu zählen beispielsweise Erkrankungen wie Kopf- oder Magenschmerzen, Schlaf- und Essstörungen, Überreiztheit, Depressionen, ein erhöhter Konsum von Alkohol, Nikotin oder Medikamenten, ein geschwächtes Immunsystem, koronare Herzkrankheiten, aber auch Konzentrationsprobleme, Lustlosigkeit, Aggression und Burn-out.

Volkskrankheit Stress?

Burn-out ist eine psychologische Facette von psychischen Erkrankungen, die einen Erschöpfungszustand bei andauerndem beruflichem Stress beschreibt. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts entstand durch die „Volkskrankheit Stress“ im Jahr 2013 ein Schaden von 29 Milliarden Euro. Stress ist hierbei als Mitverursacher der genannten Erkrankungen zu sehen. Nach der Statistik sind zudem Frauen häufiger krank. Eine Untersuchung der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2008 belegte, dass deutsche Arbeitnehmerinnen und -nehmer fast zehn Millionen Tage wegen (durch Stress hervorgerufenem) stressbedingtem Burn-out krankgeschrieben waren. Die Studie konnte weiter spezifizieren, worin die befragten Erwerbstätigen die häufigsten Ursachen für Stress am Arbeitsplatz sahen: Insbesondere Termindruck und Hetze sowie Informationsüberflutung und ständige Erreichbarkeit (z. B. durch Handy, E-Mail etc.) zählten zu den hervorstechenden Stressquellen. Davon waren in dieser repräsentativen Studie vorrangig Erwerbstätige mit höheren Bildungsabschlüssen betroffen (Hochschulabschluss, Abitur) und seltener solche mit mittlerem oder Hauptschulabschluss. Aber auch wenn die Stressquellen am Arbeitsplatz mannigfach zu sein scheinen und stetig zunehmen, ist dennoch bemerkenswert, dass die Befragten generell eine hohe Zufriedenheit mit ihrem Job empfanden: 88 Prozent hatten Spaß an ihrem Beruf, und 53 Prozent fühlten sich von dem beruflichen Stress sogar angespornt.

Von der Theorie der Ressourcenerhaltung

Die Theorie der Ressourcenerhaltung von Stevan Hobfoll ist neben der herausragenden Pionierarbeit von Richard Lazarus im Laufe der vergangenen 20 Jahre zu einer der führenden Stresstheorien geworden. Sie erkennt grundsätzlich an, dass Menschen ihre Umwelt durch individuelle Einschätzungsprozesse bewerten, aber es werden auch die objektiven Aspekte von Bedrohungen und Verlusten, die mit Stress einhergehen, sowie die gemeinsamen Bewertungen und Bewältigungsanstrengungen von Menschen der gleichen Kultur betont. Zentral für das ressourcenorientierte Modell ist die Annahme, dass Menschen dazu neigen, die eigenen Ressourcen zu schützen, und danach streben, neue aufzubauen. Stress resultiert aus dem tatsächlichen Verlust oder der Bedrohung von Ressourcen oder dem Verlust aufgrund fehlinvestierter Ressourcen. Einen wesentlichen Einfluss auf den Erwerb und Erhalt von Ressourcen haben sowohl stressreiche kritische Lebensereignisse als auch kleinere Stressoren, die Menschen daran hindern, ihre Ressourcen zu schützen oder zu kultivieren.

Hobfoll legt dar, wie bei der gemeinsamen Bewältigung von stressreichen Situationen der Austausch von Ressourcen und die damit verbundene Interaktion zwischen Individuen und sozialen Systemen (Familien, Arbeitsplatz, Schule) verlaufen. Sein Konzept betont die zwischenmenschlichen Prozesse, bei denen Ressourcen übertragen werden, schwinden oder katalysiert werden. Ressourcen sind definiert als Objektressourcen (z. B. Kleidung, Bücher, eigenes Auto), Bedingungsressourcen (z. B. Alter, berufliche Position, Machtstrukturen), persönliche Ressourcen (z. B. Selbstwirksamkeit, soziale Kompetenz, Optimismus) und Energieressourcen (z. B. Geld, Zeit, Wissen). Stressbewältigung (engl. coping) dient der Erhaltung von Ressourcen und soll Verluste verhindern. Hobfoll geht davon aus, dass Stress nicht nur alleine, sondern auch gemeinsam mit anderen bewältigt wird.

Über den Erhalt von Ressourcen

Zur Erhaltung von Ressourcen nutzen Menschen vor allem ihre als wertvoll erachteten Schlüsselressourcen wie Gesundheit, Wohlbefinden, positive Selbsteinstellung und ihr soziales Kapital. Schlüsselressourcen sind universell und kulturübergreifend. Beispielsweise ist die positive Selbsteinstellung einer Person (auch Selbstkonzept genannt) ein generelles Bild des Individuums von sich selbst und setzt sich aus einer Reihe bereichsspezifischer Selbstbilder zusammen (z. B. aus Beruf, Familie, Freizeit). Soziales Kapital wird als soziale Ressource verstanden, die dem Menschen z. B. Unterstützung und Bestätigung liefert. Des Weiteren geht die Theorie der Ressourcenerhaltung davon aus, dass sich Ressourcen verändern und entwickeln, sodass Ressourcenspiralen entstehen (siehe Abb. 1): Ressourcenverluste sind entscheidend für die Entstehung von Stress. Gleichzeitig müssen Menschen Ressourcen investieren, um neue Ressourcen hinzuzugewinnen und um sich vor weiteren Verlusten zu schützen. Dementsprechend sind Menschen mit vielen Ressourcen weniger verletzlich gegenüber Verlusten, denn sie können ihre vorhandenen Ressourcen eher gewinnbringend einsetzen. Umgekehrt sind Individuen mit wenigen Ressourcen vulnerabler für Ressourcenverluste und darüber hinaus weniger prädestiniert, neue Ressourcen zu gewinnen. Durch ihre Ressourcendefizite sind sie kaum in der Lage, Gewinnspiralen zu etablieren. Stattdessen erwachsen aus anfänglichen Verlusten weitere Nachteile, insbesondere bei der Bewältigung. Es entsteht ein Zyklus, bei dem Menschen mit jedem Verlust anfälliger und verletzlicher werden. Im Zuge dieser Verlustspirale sind sie daran gehindert, anstehende Probleme zu bewältigen. Mit anderen Worten, durch anfängliche Verluste werden Menschen vulnerabler für die negative Wirkung andauernder Anforderungen. Menschen mit vielen Ressourcen sind hingegen widerstandsfähiger. Verlustspiralen haben somit vor allem eine eklatante Wirkung bei Personen, denen Ressourcen fehlen.

Abb. 1: Gewinn- und Verlustspiralen (vgl. Buchwald & Hobfoll, 2004)

Die Theorie ermöglicht die Betrachtung der menschlichen Entwicklung und Lebensumstände anhand von Ressourcengewinnen und -verlusten und beschreibt die Veränderung der Ressourcen eines Menschen im Laufe seines Lebens. Ressourcen haben gemeinsam, dass sie zum Überleben von Individuen, Gruppen und Kulturen dienen und sozial organisiert sind. Menschen gestalten ihr Leben so, dass sie ihre eigene Integrität, aber auch die ihrer Familie und Gruppen schützen. Daher sind Menschen nicht losgelöst von ihrem sozialen Umfeld zu betrachten, das sich u. a. durch Geschlecht, Klasse und Kultur konstituiert. Je nachdem, welchen Gruppen sich Menschen zugehörig fühlen, verhalten sie sich unterschiedlich, wertschätzen und schützen andere Ressourcen.

Wie wir auf Stress reagieren

Die Effekte von Stress sind vielseitig. Man unterscheidet grundsätzlich zwischen körperlichen und psychologischen Stressreaktionen. Unter körperlichen Stressreaktionen versteht man automatisch ablaufende Reaktionen des Körpers als Antwort auf eine stressreiche Situation wie starkes Schwitzen oder die Beschleunigung des Herzschlags und der Atmung. Psychologische Stressreaktionen zeigen sich im emotionalen Bereich häufig in Form von Angst, Wut, Verleugnung der Bedrohung, Reizbarkeit und Depression. Wird dagegen ein stresshaftes Ereignis als Herausforderung betrachtet, entstehen positive Reaktionen wie Freude und Hoffnung auf Erfolg. Stress wirkt sich zudem auf die kognitiven Prozesse aus. So können beispielsweise die Konzentration und das Kurzzeitgedächtnis beeinträchtigt werden. Kreatives Denken, welches für das Problemlösen hilfreich ist, wird behindert, und die geistige Leistungsfähigkeit ist reduziert. Schließlich kann Stress auf der sozialen Ebene z. B. zu aggressivem Verhalten, Passivität, Kommunikationsstörungen und sozialer Isolation führen.

Wie eingangs erwähnt, brauchen Menschen ein gewisses Maß an Erregung bzw. Stress, um ihre körperlichen und mentalen Ressourcen zu erhalten und zu steigern. So verlangt die Vorbereitung auf eine größere Herausforderung nach einer optimalen Dosis Stress, die etwa in der Mitte der Extreme von Unter- und Überforderung liegt. Diese positive Anspannung spornt Menschen zur Leistung an. Stress kann also auch „gesund” sein und im Sinne einer Herausforderung Flexibilität und positive Veränderungen induzieren und den Körper vitalisieren, kann stille Freude bereiten bis hin zu Ausgelassenheit und Ekstase. Situationen, in denen Gefühle durch positiven Stress ausgelöst werden, sind z. B. eine Ferienreise, eine Party, ein Fußballspiel, ein Vorstellungsgespräch oder ein Lotteriegewinn.

Stress evolutionsbiologisch erklärt: Der Körper wird bei Gefahr in einen Zustand höchster Aufmerksamkeit und Fluchtbereitschaft
versetzt (fight or flight).
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