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Die Phänomenologie. Eine Wuppertaler Schule?

von Prof. Dr. Alexander Schnell, Dr. Till Grohmann und Philip Flock
schnell{at}uni-wuppertal.de, grohmann{at}uni-wuppertal.de, flock{at}uni-wuppertal.de

Prof. Dr. Alexander Schnell
Dr. Till Grohmann
Philip Flock

In der zeitgenössischen Philosophie gibt es im Gebiet der sogenannten „theoretischen Philosophie“, also in erster Linie der Erkenntnislehre, Ontologie und Metaphysik, weltweit zwei bedeutsame Grundrichtungen: die „analytische Philosophie“, die sich insbesondere im anglo-amerikanischen Sprachraum ausgebreitet hat, und die Phänomenologie, die am Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland (Halle, Göttingen und Freiburg) das Licht der Welt erblickte.

Zwar macht es in der heutigen globalen Forschungssituation kaum noch Sinn, regionale Zugehörigkeiten zu betonen, gleichwohl ist es angesichts des allmählichen Untergangs der Phänomenologie in Deutschland und der Verbreitung der Phänomenologie außerhalb des Landes durchaus erwähnenswert, dass dank des langjährigen Wirkens der ersten beiden Lehrstuhlinhaber in „Theoretischer Philosophie und Phänomenologie“ an der Bergischen Universität – nämlich Prof. Klaus Held (1974–2001) und Prof. László Tengelyi (2001–2014) – sich eine „Wuppertaler Tradition“ innerhalb der internationalen phänomenologischen Forschung ausgebildet hat, deren Fortsetzung und Weiterentwicklung sich der im Herbst 2016 nach Wuppertal berufene neue Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Alexander Schnell gemeinsam mit seinen Mitarbeitern und assoziierten (internationalen) Forschern verschrieben hat.

Was ist die Phänomenologie und worin besteht genauer ihre besondere Ausrichtung in Wuppertal? Die Phänomenologie ist zwar auch eine Bewegung innerhalb der Geschichte der Philosophie, vorrangig versteht sie sich aber als ein genuines Sachfeld in der Philosophie selbst, in welchem klassische Fragen der Philosophie – wie etwa: Was ist Wahrheit? Was ist Erkenntnis? Was ist Realität? Was ist Sein? – auf eine neuartige Art behandelt werden. Entscheidend ist dabei der Bezug des behandelten Gegenstands auf das „intentionale“ Bewusstsein: Die Frage geht dabei nicht mehr auf ein bloßes „an sich“ Seiendes, sondern je auf die unhintergehbare Korrelation von Bewusstsein und Sein, welche jedes „Phänomen“ wesenhaft ausmacht. Hierbei kennzeichnet die Betonung der metaphysischen – also nicht bloß naturwissenschaftlich ausgerichteten – Perspektive der Phänomenologie die eigene Forschungsrichtung der „Wuppertaler Schule“. Die Forschungsarbeit des angesprochenen Lehrstuhls entfaltet sich dabei in drei grundsätzliche Richtungen: in einer historisch-systematischen, einer technisch-praktischen und einer archivarisch-editorischen Hinsicht.

Historisch-systematische Forschung

Die erste grundlegende Forschungsrichtung des Lehrstuhls betrifft die vertiefte Erforschung der Phänomenologie in ihrem Bezug zur Geschichte der Philosophie. Die Originalität dieser Forschungsarbeit besteht in der Herausstellung der verschiedenen Verbindungslinien zwischen den Protagonisten der Klassischen Deutschen Philosophie (insbesondere Kant, Fichte, Schelling und Hegel) und den Gründungsvätern der Phänomenologie (Husserl und Heidegger). Damit weist die Wuppertaler Forschung eine eigene Richtung auf, die sie von anderen bedeutenden phänomenologischen Zentren (etwa in Kopenhagen oder Paris) unterscheidet. Der Fichte-Forschung kommt dabei ihrerseits eine herausragende Rolle zu, mit der an eine weitere, von Prof. Wolfgang Janke in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts ins Leben gerufene Wuppertaler Tradition angeschlossen wird.

Näher ausgeführt, geht es dabei darum, die bewusstseinsanalytisch ausgerichtete „deskriptive“ Phänomenologie auf ihre spekulativen (das heißt „phänomenologisch-konstruktiven“) Fundamente hin zu befragen. Dabei ist der „metaphysische Horizont“, der ja, wie gesagt, die Wuppertaler phänomenologische Tradition eigens kennzeichnet, richtungsweisend. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei der Rolle der Einbildungskraft in der Konstitution des ursprünglichen Weltbezugs zuteil. Hierbei ergeben sich interessante Einsichten bezüglich der imaginär vermittelten Realitätsauffassung, die das Tor für interdisziplinäre Forschungen (mit der Literaturwissenschaft, den Bildenden Künsten und auch der Kultur-Anthropologie) aufstößt.

Ferner knüpfen sich hieran auch jene Interessenfelder, die diese Forschungsarbeit in die zeitgenössische phänomenologische Debatte einschreiben. Hierzu gehört der Anschluss an die französischsprachige phänomenologische Tradition (insbesondere Sartre, Merleau-Ponty, Levinas, Henry und Richir, von dem gleich noch eingehender die Rede sein wird) wie auch an die heutige Realismus-Idealismus-Debatte, die in Frankreich und in der angelsächsischen Welt in den letzten Jahren stark aufgekommen ist. Bei alledem ist die internationale Ausrichtung so vorherrschend wie unumgänglich: Forschung ist heute grenzüberschreitend, und das gilt in besonderem Maße für die Phänomenologie, die gewissermaßen „heimatlos“ geworden ist.

Technisch-praktische Forschung

In diesem internationalen Forschungskontext ist die Tradition phänomenologischer Philosophie aber bei weitem nicht mehr auf das Feld einer reinen Bewusstseinslehre und deren metaphysisch-spekulative Grundlagen beschränkt. Zwar sind die anfänglichen systematischen und transzendentalen Fragen keinesfalls obsolet geworden, doch ist seit geraumer Zeit eine Wendung der Phänomenologie hin zu konkreten Forschungsfeldern zu beobachten. Gerade diese sollen vom Lehrstuhl ebenfalls bearbeitet werden – was den zweiten Schwerpunkt seiner Forschungsarbeit ausmacht.

Sicherlich mag gerade im Ausgang des Poststrukturalismus das Festhalten der Phänomenologie an Begriffen wie Subjektivität, Bewusstsein und subjektiver Erfahrung als anachronistisch anmuten. Nichtsdestotrotz ist dieses Festhalten aber gerade im Hinblick auf zeitgenössische Forschungen im Bereich der Psychologie, der Kognitions- und Neurowissenschaften, der Anthropologie, ja gar der Ästhetik und der Psychopathologie von bedeutendem Nutzen. Denn gesetzt selbst Subjektivität sei nichts als Illusion – ob nun hervorgerufen durch Informationsverarbeitungsvorgänge im zentralen Nervensystem oder aber als ideologisches Konstrukt gesellschaftlich-diskursiver Praktiken –, als eine solche Illusion wäre sie dann noch immer erstaunlich wirkungsmächtig. Phänomenologie beginnt in der Tat da, wo das Erleben des eigenen Lebens, das Leben in der Ersten-Person-Perspektive, als ein nicht reduzierbares Faktum unserer Erfahrung anerkannt wird.

Aller Widerstände zum Trotz scheint die Phänomenologie heute gerade dort am fruchtbarsten, wo ihre Prämissen am stärksten kritisiert werden. Beispielsweise in den durch die Neurowissenschaften allzu schnell proklamierten biologistischen Fundierungsversuchen der Kognitionswissenschaften. Hier kann die Phänomenologie dazu dienen, einem flachen Parallelismus von psychologischen und neurochemischen Prozessen entgegenzuwirken. Es ist dabei nicht nur in ethischer Hinsicht relevant, das traditionelle Spannungsverhältnis des Leib-Seele-Problems aufrechtzuhalten. Auch und vor allem kann die Phänomenologie auf den immer wieder begangenen Zirkelschluss hinweisen, der darin besteht, das Fungieren des menschlichen Geistes anhand von computationellen Begriffen verständlich zu machen. In Anlehnung an prozessualisierende Vorgänge vom Menschen programmierter Systeme soll der menschliche Geist selbst wie eine Maschine „operieren“. Dass dabei die Art und Weise, in der das Bewusstsein in logisch-sprachlicher Arbeit seine Gegenstände ordnet, zu einem Verständnis des Bewusstseins selbst herangezogen wird, wird dabei gemeinhin nicht beachtet.

Eine weitere nicht minder wichtige Nutzbarmachung phänomenologischer Grundeinsichten, mit der sich die Forschungsgruppe des Lehrstuhls beschäftigt, ist der Bereich der Anthropologie. Es scheint heute weniger denn je angebracht, den Menschen durch den Rückgriff auf selbstidentische Kategorien und Wesensbestimmungen zu denken. Rigorose phänomenologische Analysen können hier nicht nur helfen, das Primat eines faktisch doch niemals anzutreffenden Idealtypus von Identität abzubauen. Auch kann und muss die Phänomenologie eine Antwort auf die in der heutigen Zeit augenscheinlich werdende differentielle Struktur der Subjektivität geben. Der Mensch ist nicht „bloß“ ein vernunftbegabtes Kulturwesen, Mann oder Frau, europäischer „Weltbürger“ usw. Vorwürfe wie jene der Eurozentrierung, der Logozentrierung, des Phallozentrismus und des strukturellen Rassismus müssen ernst genommen und als Herausforderungen an die Philosophie verstanden werden, eine plurale, offene und diversifizierte Gesellschaft zu entwickeln.

Archivarisch-editorische Forschung

Ein dritter wesentlicher Forschungsschwerpunkt liegt in der Gründung des Marc-Richir-Archivs. Der belgische Philosoph Marc Richir, geboren 1943, gehört zur dritten Forschergeneration der phänomenologischen Bewegung. In seinem originellen und eigenständigen Ansatz einer Phänomenologie der Sinnbildung verbinden sich eine intensive Kritik und Interpretation der ganzen phänomenologischen Tradition – von den Gründervätern Husserl und Heidegger bis zur zeitgenössischen Forschung – mit einer breit angelegten Lektüre der Philosophiegeschichte in systematischer Absicht, von der Antike bis zur klassischen deutschen wie französischen Philosophie.

Dabei zeigt sich sein Denken in einem besonderen Maße dialogfähig. Mit seiner Neugründung der transzendentalen Phänomenologie sucht Richir Antworten auf die Fragen des Strukturalismus und Post-Strukturalismus, ebenso wie der Psychopathologie oder der phänomenologischen Anthropologie zu geben. Bisher noch kaum rezipiert sind darüber hinaus seine zahlreichen Schriften zur Politik, Literatur und Mythen-Forschung. Mit der von ihm gegründeten Publikationsreihe der „Krisis“ wie der Zeitschrift „Annales de Phénoménologie“ hat sich bereits eine rege Forschungsgemeinschaft im Umkreis seiner Philosophie gebildet. Mit diesen Schwerpunkten der Phänomenologie, der Klassischen Deutschen Philosophie und der Anthropologie spiegelt Richirs Forschungsfeld auch die thematische Ausrichtung des Lehrstuhls für theoretische Philosophie und Phänomenologie wider.

Im Jahre 2015 fand dieses reiche wie lebendige Denken sein Ende. Prof. Schnell wurden nun die Nachlassrechte am Werk von Marc Richir zugesprochen. Es bietet sich daher die einmalige Gelegenheit, die Rezeption seines Werkes in Deutschland fortzuführen und auszubauen. Mit dem Marc-Richir-Archiv der Bergischen Universität erhält die wachsende Richir-Forschung die Gelegenheit, dieses Werk auf neue systematische Weise zu studieren. Neben der Katalogisierung der umfangreichen Privatbibliothek ist es vor allem der handschriftliche Nachlass, der sukzessive erschlossen und in Form von Digitalisaten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll.

Darüber hinaus erweist sich Marc Richir als genuin europäischer Denker. Nachdem sein Werk eine erste Aufmerksamkeit in Frankreich und Belgien erhalten hat, gibt es inzwischen eine große Anzahl spanisch(sprachig)er Forscher, die sich mit den Ideen Richirs auseinandersetzen. Dazu besteht derzeit ein wachsendes Interesse über Deutschland hinaus in Ost-Europa wie auch zunehmend interkontinental. Damit zeichnet sich bereits ab, dass das Marc-Richir-Archiv mehr sein wird als ein Sammelplatz für eingeweihte Spezialisten. Vielmehr soll es das „Herzstück“ eines Zentrums philosophischen Lernens und Forschens werden – nämlich des „Instituts für Transzendentalphilosophie und Phänomenologie“, das aus dem vormaligen „Institut für phänomenologische Forschung“ hervorgegangen ist. Im Namen des Archivs werden Seminare, Workshops und Tagungen veranstaltet, welche Studierende, Doktoranden und Forscher diverser Fachrichtungen aus den verschiedensten Ländern in Kontakt bringen und dazu beitragen sollen, eine Forschungsplattform zu begründen, die über Wuppertal und Nordrhein-Westfalen hinausstrahlt.

www.philosophie.uni-wuppertal.de/theoretische-philosophie.html